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Reißkofel (2371 müA), Direttissima / östliche Nordwand (5), 07.08.2019

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  • Reißkofel (2371 müA), Direttissima / östliche Nordwand (5), 07.08.2019

    Hier eine durchaus lohnende alpine Tour, zu der es nur wenige Informationen im Netz gibt -– sehr zu Unrecht wie ich finde.

    Auf bergsteigen.com finden sich Infos und ein topo-ähnliches Übersichtsbild unter „Reißkofel Direttissima“. Auf der Seite der Bergrettung (Oberes) Drautal gibt es unter „Reißkofel östl. Nordwand“ eine handgezeichnete Topo, hier führt der Ausstieg klassisch durch eine Rinne.

    Persönlich finde ich die Bezeichnung „Direttissima“ nicht sonderlich stimmig, aber das ist wohl Geschmackssache oder mir fehlt eine wesentliche Info zur Entstehung des Routennamens.

    Von der Hütte hat man jedenfalls einen prächtigen Blick auf den östlichen Teil der Nordwand, die Route verläuft etwa wie eingezeichnet und im oberen Bereich habe ich mich an den Ausstieg (wie er auf bergsteigen.com beschrieben ist) gehalten.
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    Der Reißkofel ist mit seinen 2371 müA der höchste Berg der Reißkofelgruppe und Teil der Gailtaler Alpen. Von Norden her führt der übliche Anstieg über die E. T. Compton Hütte (1585 müA) und den Padiaursteig zum Köfele Törl (2019 müA), von dort durch die Südflanke auf den Grat und weiter zum Gipfel. Vom Törl kann über steiles Gras und Schrofen der Grat auch direkt und damit früher erreicht werden, das wäre auch der kürzeste Abstieg nach der Kletterei.

    Von Greifenburg führt eine öffentliche Straße zum großen Sägewerk Kanzian Holz im Ortsteil Eben und dort direkt durch das Betriebsgelände. Danach geht eine Forststraße hoch zum letzten Bauernhof, dem Egger Hansl. Allerdings gibt es seit einiger Zeit direkt nach dem Sägewerk ein Fahrverbotsschild "Forststraße", der Hüttenwirt von der Comptonhütte hat gemeint dass es in den letzten Jahren durch rücksichtslose Parker immer wieder zu Behinderungen vom Nutzverkehr gekommen ist und es den Eigentümern dann irgendwann einmal zu viel war.
    Wir sind erst spät am Abend angereist und in der Dunkelheit muss ich das Fahrverbot irgendwie übersehen haben, jedenfalls gibt es ca 500 m vor dem Egger Hansl eine größere Straßengabelung (932 müA) und hier haben wir schließlich geparkt.

    Der Weg zum Egger Hansl mit einem Hinweisschild, dass es sich hier um einen Privatweg handelt und ein Befahren sowie Parken nicht gewünscht wird. Links führt die Forststraße in einem Bogen zu einem großen Holzplatz / Parkplatz und von dort geht auch der Weg 235 zur Comptonhütte.
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    In der Nacht gibt es etwas Niederschlag und die Wettervorhersage für den Tag ist allgemein eher durchwachsen, im Tagesverlauf soll von Westen eine Gewitterfront durchziehen und ab Mittag steigt die Niederschlagswahrscheinlichkeit signifikant an.

    Wir starten also kurz nach 6 Uhr morgens und über Forstwege und –-straßen geht es östlich des Reißgrabens gut beschildert hinauf. Im Hochwald ist es windstill und drückend schwül, im Almengebiet weiter oben geht aber leichter Wind und der Aufstieg wird angenehmer. Bald kommt auch unser heutiges Ziel in Sicht und nach etwas über 1,5 Stunden erreichen wir die Hütte.
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    Dort gibt es in einem kleinen Nebengebäude eine öffentlich zugängliche Toilette und einen Wasserhahn, die ersten Nächtigungsgäste sind schon munter und mit dem Wirt Mario ergibt sich auch ein kurzer Plausch während wir unsere Wasservorräte auffüllen. Von der Hütte aus sieht man auch gut die markanten Risse am Wandfuß wo sich der Einstieg befinden soll.
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    Zum Einstieg sind es knapp 20 Minuten, wir queren das trockene Bachbett und folgen anfangs einem breiten Weg bis er sich nur wenig später im lichten Lärchenwald verläuft. Der weitere Anstieg führt weglos über das spärlich bewachsene Schuttfeld direkt zu der kleinen Rinne links neben den Rissen.
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    Hier finden wir einen Bohrhaken mit einem abgeknoteten Seilstück rechts von der Rinne und vermuten den weiteren Verlauf recht klassisch durch die Rinne höher. Wir täuschen uns jedoch, es geht eigentlich gleich links in der Wand hoch aber die unteren beiden Bohrhaken sind etwas schwer zu entdecken. Dort stimmt dann auch die angegebene Schwierigkeit und es geht recht schön höher, schwerer wird es dann auch weiter oben nicht mehr.
    Anm: Wenn in weiterer Folge Angaben zur Nummer einer Seillänge gemacht werden, so beziehen sich diese auf die Topo von www.bergsteigen.com
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    Nach einem etwas grasigen Riss in der 2. Länge wartet am Ende der 3. Länge ein gutmütiger Bauch. Hier ist die direkte Linie zu empfehlen, der Fels weiter rechts davon ist von minderer Qualität und sollte vermieden werden.
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    Etwas rechts oberhalb von unserem Stand befindet sich ein weiterer Standplatz mit 2 BH und auch auf den folgenden Platten finden wir neben uns zwei weitere Bohrhaken. Ob es sich nur um eine kurze Variante handelt, oder ob hier eine weitere eigenständige Tour von sehr nahe kommt, lässt sich nicht erkennen. Der Hüttenwirt hat schon von einer „vergessenen“ Tour in der Wand erzählt, jedoch nichts weiter zum Verlauf beitragen können.
    Jedenfalls geht hier in der 4. Länge schön plattig bis unter einen Überhang, der sich durch eine kurze Rissverschneidung geschickt überwinden lässt.
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    Die nächsten beiden Längen sind wieder einfach und wir gehen am laufenden Seil hoch zu einem markanten schwarzen Felsbereich. Der Stand mit einer großen Sanduhr befindet es sich wenige Meter links davon.
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    Hier der 7. Länge geht es über schöne Risse (gute Placements) zu einer Platte (BH) und dann über einen kleinen Überhang. Von diesem Teil haben wir offenbar keine Bilder gemacht, dafür gibt es jetzt aber eines von dem schönen Ausblick auf das Drautal und die gegenüberliegende Kreuzeckgruppe, ganz unten rechts befindet sich die Comptonhütte.
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    Anschließend folgen etwa 55 m Gehgelände auf einem breiten Wiesenfleck, diese grüne Insel ist auch vom Zustieg aus gut zu sehen.
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    Zuletzt geändert von meinereiner; 16.08.2019, 22:31.
    Endlich mal ein Thema wo ich nicht zu spät, zu unwissend oder einfach zu faul bin um etwas beizutragen

  • #2
    Dann wartet ein langer Genussriss und über zwei weitere Längen geht es hoch zu einem kleinen gebogenen Grat.
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    Die 13. Länge führt zu einem weiteren kurzen Grat, der jedoch etwas ausgesetzter ist und bei dem die Zacken mehr oder weniger direkt zu überklettern sind. Unmittelbar bevor der Grat aufsteilt sollte rechts ausgequert werden (2 BH) und dann geht es noch ein paar Meter zum Stand hoch.
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    Nach dem Grasfleck kommt ein Standplatz und dann geht es links neben der Schlucht (hier nicht zu sehen) in einer flachen Rinne hinauf und schließlich kommt auch ein einzelner BH. Irgendwo müsste der Quergang nach links sein, aber den haben wir offensichtlich verpasst und sind dann einfach am laufenden Seil die Rinne (ca III, 80 m) hoch zu einer kleinen Scharte auf der Gratschulter – das ist wohl auch der „klassische“ Ausstieg, der so im Topo auf der Seite der Bergrettung Oberes Drautal zu finden ist.
    Die von uns damit umgangenen Längen (14-17) wurden möglicherweise nachträglich eingerichtet um noch ein paar schöne Klettermeter zu bieten. Jedenfalls müsste auch in diesem Fall der Ausstieg auf der Gratschulter sein und beim Weiterweg unsere Scharte passiert werden.
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    Am Ausstieg sind wir etwas überrascht, als wir von einem neugierigen Schaf von oben herab zuerst beobachtet und anschließend auch besucht werden. Nachdem zuerst meine Schnürl am Gurt und schließlich das Seil einem Geschmackstest unterzogen werden verständigt sich mein Seilpartner mit ihm in einer Kärntner Ursprache und es nimmt reißaus.
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    Bei einem Blick in die Südflanke sehen wir steile Grashänge und darauf mehrere Schafe, hier könnte wohl auch direkt zum Köfele Törl beim Kleinen Reißkofel abgestiegen werden.
    Es ist kurz nach Mittag, der Wind hat mittlerweile aufgefrischt und auch am ehemals blauen Himmel vom Morgen sind rundherum Wolken zugezogen, wir entscheiden uns dennoch für den Weiterweg über den Ostgrat in Richtung Gipfel.
    Auch weil wir wissen, dass später am Grat eine Abstiegsmöglichkeit in die Südflanke hinunter zum Weg 235 kommt – ohnehin unser geplanter Weg, egal ob mit oder ohne Gipfel. Der Abstieg führt links neben dem markanten Gratturm entlang der Rinne hinunter.
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    Fortsetzung folgt
    Zuletzt geändert von meinereiner; 16.08.2019, 20:24.
    Endlich mal ein Thema wo ich nicht zu spät, zu unwissend oder einfach zu faul bin um etwas beizutragen

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    • #3
      Der Weg ist direkt am Grat am angenehmsten, ein kleiner Gratturm ist nordseitig mit einer kurzen Kletterstelle zu umgehen und schließlich stehen wir auf dem bisher höchsten Turm bei einem großen Steinmann.
      Dahinter sind der Weiterweg und der Gipfel des Reißkofel zu sehen und links baut sich gerade eine bedrohliche dunkle Wolke rasch auf. Wir schätzen noch grob eine Stunde Gehzeit und nachdem wir dieses Stück auch wieder am selben Weg zurückgehen müssten um zur Hütte zu gelangen entscheiden wir uns gegen den Gipfel und steigen ab.
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      Vom Törl ist es nur ein Katzensprung auf den Kleinen Reißkofel (2165 müA).
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      Auf der Nordseite führt der Weg in einer guten halben Stunde zur Hütte zurück. Ein klassischer Familienwanderweg wird er wohl nie werden, der Abstieg ist eher steil und mit viel Geröll (der Dolomitanteil ist hier bereits spürbar) und es gibt sogar zwei kurze Seilversicherungen und ein paar Trittbügel.
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      Wider Erwarten kommen wir trocken zur Hütte und um unser Wetterglück nicht übermäßig zu strapazieren füllen wir nur kurz etwas Elektrolyt nach und machen uns dann gleich an den Abstieg über den Reißgrabensteig.
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      Der Reißgrabensteig führt etwas abenteuerlich aber markiert durch den oberen Teil des Reißgraben, oft direkt im trockenen Bachbett und teilweise auch daneben.
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      Irgendwann sollte der Reißgraben nach Westen hin verlassen werden und diese Stelle haben wir offenbar verpasst, jedenfalls sind wir zu weit im Bachbett abgestiegen. Der Graben wird mit der Zeit immer schmäler, die Felswände immer höher und die Stufen mit großen Blöcken und rutschigem Totholz sind auch immer unangenehmer abzuklettern. Schließlich stehen wir in einem waschechten Canyon vor einer nassen Stufe mit 5+ m Höhe und drehen um. Sollte jetzt weiter oben heftiger Niederschlag kommen, füllt sich der Reißgraben bestimmt sturzbachartig und das möchten wir besonders an dieser blöden Stelle nicht erleben.
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      Wir steigen also wieder einige Höhenmeter auf, bis die Felswand am Rand einem Steilwald weicht, und mühen uns dort noch etwa 100 Hm hinauf bis zu einem schwach erkennbaren Jagdsteig. Auf diesem kommen wir rasch wieder zurück auf den Weg 235 und zum Ausgangspunkt unserer Tour.
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      Damit war der Schnellabstieg über den Reißgraben nicht wirklich schneller als der Aufstieg am Morgen, allerdings eine Spur aufregender.

      Falls jemand den Reißkofelsteig aus persönlicher Erfahrung kennt: wäre ein weiterer Abstieg möglich? Ich hab mir die Stelle selbst nicht angesehen und vertraue durchaus auf die Einschätzung von meinem Kollegen, aber neugierig bin ich natürlich trotzdem, ob es ohne drohendes Unwetter im Nacken vielleicht auch dort weitergegangen wäre...
      Zuletzt geändert von meinereiner; 17.08.2019, 13:59.
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      • #4
        Schöne Tour! Das Topo liegt schon lange bei mir zu Hause, aber nachdem ich den Reißkofel nur als Bruchhaufen kenne, habe ich bisher davon Abstand genommen....
        snowkid G.m.b.h. - Gehst mit, bist hin... *g*

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        • #5
          Zitat von snowkid Beitrag anzeigen
          Reißkofel nur als Bruchhaufen
          So schlimm ist es definitiv nicht, ich würde aber auch nicht unbedingt als zweite Seilschaft einsteigen wollen...

          Es kann natürlich sein, dass die Erstbegeher mit einem besonders guten Auge ausgestattet waren und tatsächlich den einzigen halbwegs festen Weg gefunden haben.
          Das würde auch erklären warum in dieser schönen Wand sonst keine Klettertouren bekannt sind - aber irgendwie glaub ich das nicht, dafür waren zu viele Meter in gutem Fels dabei.
          Zuletzt geändert von meinereiner; 17.08.2019, 14:00.
          Endlich mal ein Thema wo ich nicht zu spät, zu unwissend oder einfach zu faul bin um etwas beizutragen

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          • #6
            Super, Burschen! Gfoit ma.

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            • #7
              Lässige, ausgefallene Unternehmung! Danke für deinen ausführlichen Bericht und die wertvollen Infos!
              Vielleicht verschlägt es mich ja einmal in diese Gegend.
              LG

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              • #8
                Wir sind die Route letzten Donnerstag geklettert. Die beiden Topos und die Beschreibung hier haben geholfen. Haben uns aber trotzdem ein paar mal gefährlich verklettert... Es ist gut gegangen, aber ich hab mir die Zeit genommen und ein sehr genaues und detailliertes Topo gezeichnet, damit anderen Leuten nicht dasselbe passiert.
                Wer Interesse hat kann mich per Mail kontaktieren. simonhaubi@googlemail.com

                Liebe Grüße

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