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"Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

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  • "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

    Anmerkung:
    Auch wenn durch Ecki gestern erst ein (sehr schöner) Bericht zur Königspitze geschrieben wurde, so möchte ich meinen als Ergänzung aus einem anderen Blickwinkel gern daneben einschieben. Er war zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung schon weitestgehend fertig und vielleicht interessiert den einen oder anderen ja doch auch die Alternative zur Besteigung als Skitour.


    Die Königspitze, im Italienischen auch Gran Zebrù genannt, gehört zu den Bergen, die mich schon faszinierten, bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekam. Letztes Jahr im Frühjahr durfte ich sie dann zum ersten Mal in Natura etwas unterhalb des Monte Pasquale (3553m) erblicken und seitdem ließ sie mich nicht mehr los. Zu jenem Zeitpunkt ließen weder die eigene Erfahrung noch die Lawinenlage eine Besteigung zu, doch kaum 13 Monate war der richtige Moment gekommen. In der Zwischenzeit hatte ich in steileren Firnflanken, in Nordwänden sowie beim Eisklettern das nötige Etwas für diese Tour gesammelt.

    Am Mittwoch, einen Tag vor Himmelfahrt, ging es von Erfurt aus los. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gefühle durchaus gemischt. Bis Montag hatte es in der Ortler-Region an die 80cm Neuschnee gegeben, trotz der angekündigten Sonnentage war daher auch noch keineswegs sicher, ob die aktuelle Lawinenlane einen Aufstieg zulassen würde.
    Die erste Nacht verbrachten meine beiden Mitstreiter und ich im Zelt auf dem Julierpass- ein kleiner Vorgeschmack auf die kommenden zwei Tage. Zum Herrentag ging es dann das letzte Stück weiter nach Santa Catarina Valfurva, wo wir uns mit ausreichend Essen eindeckten und alles Nötige für 2-3 Tage im Schnee in unseren Rucksäcken verstauten. Anschließend ging es noch am späten Nachmittag hinauf Richtung Rifugio Pizzini. Nach der Hälfte der Strecke mussten wir die Schneeschuhe anschnallen, welche von da an unser treuer Begleiter wurden. Auf der Hütte erhielten wir die Info, dass die Bedingungen am Berg bereits durchaus gut seien, mit jedem Tag besser werden würden und das sonnige Wetter vermutlich bis Samstag anhielte. Freudig stapften wir noch einige hundert Meter weiter und stellten auf ca. 2750m unser Zelt auf, mit ausgezeichnetem Blick auf die Königspitze, auch wenn sich der Gipfel bis zum Abend noch in den Wolken verstecken sollte.

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    Pünktlich zum Sonnenuntergang klarte der Himmel auf und es zeigte sich ein eindrückliches Farbenspiel, das uns trotz der einsetzenden Kälte noch ein wenig länger draußen hielt.

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    Noch am Abend besprachen wir die Lage und das weitere Vorgehen. Nach langer Diskussion wurde ein Plan erstellt, der beinhaltete, dass wir nicht schon am Freitag, sondern doch erst am Samstag den Gipfel angehen würden. Den nächsten Tag wollten wir noch zur Akklimatisierung nutzen, die wir drei Flachländer durchaus nötig hatten. Das Risiko, dass das Wetter womöglich doch schon früher schlechter würde, gingen wir dabei bewusst ein, auch wenn dabei ein flaues Gefühl im Magen zurückblieb.
    Am nächsten Morgen schliefen wir aus und wurden zum Aufstehen weit nach Tagesanbruch von der warmen Sonne und dem blauem Himmel freundlich begrüßt:

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    Beim Frühstück erspähten wir beim genauen Blick in der Südostwand einige Seilschaften, die sich noch im Aufstieg befanden. Auf der anderen Seite zeigte sich die nicht minder beeindruckende Nordwestwand des Monte Pasquale (die gleichfalls begangen wurde) sowie die Zufallspitze und der Cevedale.

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    Dabei ließ uns das perfekte Wetter immer wieder zweifeln, ob wir die richtige Entscheidung getroffen hatten, indem wir einen Tag länger warteten. Aber es nutzte ja nichts – jetzt war es so oder so zu spät. Zur Mittagszeit begannen wir den Aufstieg zu unserem „Camp2“, welches auf der Vedretta del Gran Zebru (ca. 3200m) liegen sollte. Aus den „nur“ 500hm wurden 2h mühsamen Spurens im durchfeuchteten sulzigen Schnee, wobei die Sonne unnachgiebig auf uns niederschien. Ohne unsere Schneeschuhe wären wir mit unserem doch recht großen Gepäck an dieser Stelle sicher schon gescheitert.
    Als wir um 14Uhr unser Tagesziel erreichten, zog sich der Himmel bereits wieder zu. Den Rest des Tages vertrieben wir uns mit dem Herrichten unseres Zeltplatzes, mit Schneeschmelzen, Kochen sowie dem Erinnern an vergangene Touren, was irgendwie nie langweilig wird.

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    Mit dem Einbruch der Dunkelheit kam auch für uns die Nachtruhe. Für mich war es gleichzeitig die höchst gelegene Zeltnacht innerhalb der Alpen. Sie sollte kalt werden – nach nicht einmal einer Stunde hatte sich eine dünne Schicht Reif an der Innenwand gebildet. Doch es war letztendlich weniger die Kälte, die mich unruhig schlafen ließ, als die Aufregung im Angesicht der anstehenden Gipfeletappe.
    Als um 4.10Uhr der Wecker klingelte und wir wenig später ins Freie traten, war es wie erhofft sternenklar. Diese Extramotivation half uns, trotz der widrigen Temperaturen und des knietiefen Spurens vergleichsweise schnell voranzukommen. Nach der Hälfte der Rinne zum Königsjoch stießen wir auf die Spuren der Aspiranten des Vortags, was uns den Aufstieg merklich erleichterte. Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichten wir den Beginn der Südostwand.

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    Wir suchten den Gran-Zebru-Gletscher nach anderen Seilschaften ab, doch schnell wurde klar, dass wir den Gipfel ganz für uns allein haben würden. Erst weit entfernt, kurz hinter der Pizzinihütte, zeigten sich die ersten schwarzen Punkte. Der weitere Aufstieg ging problemlos und schnell vonstatten, auch wenn ab hier die Teleskopstöcke den beiden Eisgeräten weichen mussten.

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    Zuletzt geändert von Wette; 10.05.2016, 09:49.
    "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
    Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

  • #2
    AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

    Im 45° Gelände nur als Gehhilfe dienlich, wurden die Pickel im letzten Aufschwung zum Gipfel nochmals richtig wichtig, da wir nicht wie üblich rechts hinüber querten, sondern in direkter Linie, bei vermutlich etwa 50°, zum Gipfelkreuz aufstiegen.

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    Danach war es geschafft. Um Punkt 7Uhr und 2h nach unserem Aufbruch erreichten wir vollends zufrieden den Gipfel.

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    Hier zahlten sich das Warten, die teils ungemütlichen Zeltnächte, das frühe Aufstehen und der dafür kurze Gipfelanstieg vollends aus: Selten konnte ich ein Gipfel derart ausgeruht und mit klarem Kopf genießen. Die Einsamkeit hier oben war dabei das I-Tüpfelchen. Nur der beißende Wind vertrieb uns bald wieder vom Haupt des Zebrus.
    Der Abstieg ging viel leichter als gedacht. Kaum eine Stunde nach Erreichen des Gipfels kamen wir wieder am Zelt an und konnten von dort die gerade eintreffenden Seilschaften am Einstieg der Rinne beobachten. Auf einmal war sie vorbei die Stille und das emsige Treiben dutzender Bergsteiger erfüllte den Berg.

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    Nun hieß es für uns nur noch absteigen.

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    An der Pizzinihütte machten wir nochmals einen kurzen Halt und belohnten uns selbst mit Bier und Kuchen.

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    Je näher wir anschließend dem Tal kamen, umso frühlingshafter wurde die Landschaft. Selten habe ich derart eindringlich den Duft von Kiefernnadeln wahrgenommen wie dort. Mit jedem Schritt stieg ferner die Gewissheit an, die Tour heil überstanden zu haben. Eine innere Zufriedenheit machte sich breit, die auch von der langen Heimfahrt nicht getrübt werden konnte…

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    Fazit:
    Der Plan ist bis ins kleinste Detail aufgegangen und so konnten wir uns einen großen Traum erfüllen. Dass die Tour mit dem Zelt geklappt hat, macht uns dabei umso glücklicher! Der Begriff „Expedition“ ist natürlich leicht ironisch gemeint. Dass dazu noch ein paar andere Umstände nötig sind, sollte klar sein
    Abschließend noch ein Bild vom Gipfel mit dem Blick hinab auf unsere Route samt unserer Zeltplätze. Mit ein wenig Fantasie kann man unser Zelt sogar als kleinen schwarzen Punkt identifizieren

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    Ich hoffe, die Länge des Berichts hat das gesunde Maß nicht allzu sehr überschritten



    Beste Grüße,

    Wette
    "Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde.
    Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt." (Heini Holzer)

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    • #3
      AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

      Gratulation! In Zeiten von leicht, schnell und bequem eine Tour in den Alpen so durchzuziehen... Ich wäre bei einer Tour in den Alpen mittlerweile zu faul dazu.
      "Glück, das kann schon sein: man hat es fast hinter sich und einen Schluck Wasser noch dazu." (Malte Roeper)

      https://www.instagram.com/grandcapucin38/

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      • #4
        AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

        Super Aktion mit Zelt!!!
        Auch wenn ich kein Freund von Schneeschuhen bin, Respekt!
        Vielleicht klappts bei uns dieses Jahr auch noch (hoffentlich mit Ski)

        Im Sommer bin ich auch öfters mit Zelt unterwegs, im Winter hat mich immer die Kälte und das Zusatzgewicht ein bißchen abgeschreckt!

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        • #5
          AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

          Interessante Variante, die zur Nachahmung - natürlich auch anderswo - einlädt!
          Überdies hervorragend illustriert

          lg
          Norbert
          Meine Touren in Europa
          ... in Italien
          Meine Touren in Südamerika
          Blumen und anderes

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          • #6
            AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

            Großartige Unternehmung ...und ein hervorragender Bericht, um den echt Schade gewesen wäre!

            Gratulation und lG, Martin
            Leuchtende Tage - nicht weinen, dass sie vergangen, sondern lächeln, dass sie gewesen!

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            • #7
              AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

              Sehr cooler Bericht und eine mega Tour obendrein! Gratuliere
              ... und ich hab mir beim Auto am Parkplatz am Samstag noch gedacht, ob das nicht "dieser Typ aus dem Forum" gewesen sein könnte

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              • #8
                AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                Sehr cooler Bericht - Gratulation
                Finde es toll wie du/ihr eure Touren auskostet. Muss nicht immer eine Speed-Besteigung an 1 Tag sein :-)
                Rein Interesse halber: Was steht als nächstes auf der "Expeditions-Liste"?

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                • #9
                  AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                  Sehr lässig!

                  Die Rucksäcke dürften ordentlich schwer gewesen sein...

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                  • #10
                    AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                    Perfekt erwischt.

                    Gratulation


                    LG, Günter
                    Meine Touren in Europa

                    Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.
                    (Marie von Ebner-Eschenbach)

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                    • #11
                      AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                      Tolle Tour und ein sehr schöner Bericht. Danke.
                      Tourenberichte und Sonstiges auf www.deichjodler.com

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                      • #12
                        AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                        Lässig! Gratuliere euch zu dieser - wie mir scheinen will - entschleunigten Art und Weise einen so tollen Berg zu besteigen.
                        Diese Abenteuer bleibt euch sicher lange in Erinnerung. Schöner Bericht!

                        LG

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                        • #13
                          AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                          Tolle Tour und ein sehr schöner Bericht.
                          Gruß

                          Rudy

                          Berge die man nicht versetzen kann, sollte man besteigen

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                          • #14
                            AW: "Expedition" Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                            Auch von mir Gratulation zu einer schönen Bergfahrt. Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie ihr euch abgeschleppt habt, und dann noch mit Schneeschuhen.
                            "Have we vanquished an enemy? None but ourselves. Have we gained success? That word means nothing here. Have we won a kingdom? No... and yes. We have achieved an ultimate satisfaction... fulfilled a destiny... To struggle and to understand - never this last without the other; such is the law..." <George Mallory>

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                            • #15
                              AW: &quot;Expedition&quot; Königspitze/Gran Zebrù - 04.-07.05.2016

                              Tolle Aktion , - Danke für den Bericht!

                              LG
                              Reinhard
                              ALPINJUNKIE ON TOUR
                              Wenn du dich auf den Weg machst, öffnet der Horizont seine Grenzen.


                              Hohe Mauer/Windhagkogel - 20.10.18
                              Arikogel - 21.10.17 & 08.10.2018

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